Deutscher Karikaturenpreis 2006

Logo Zum insgesamt 7. Mal in Folge richtete die Sächsische Zeitung in diesem Jahr den Deutschen Karikaturenpreis aus, und wieder einmal reichte alles, was in der deutschen Cartoonistenszene Rang und Namen hat, Beiträge ein, und zwar 75 Künstler mit über 300 Arbeiten unter dem Motto "Geld oder Leben".

Allerdings hatte es das verflixte 7. Jahr tatsächlich etwas in sich. Abgesehen von einem kleinen Druckfehlerteufel im wie immer sehr ansehnlichen Buch zum Preis litt darunter besonders die Preisverleihung, seit Jahren ein fester Höhepunkt im Dresdner Kulturleben. Zuvor muss angemerkt werden, dass erstmalig zwei neue Sponsoren im Boot waren, nämlich die Frankfurt(am Main)er Rundschau und die Kulturstiftung der Dresdner Bank, deren Head Office (früher: "Hauptquartier") sich ebenfalls in der Mainmetropole befindet.

Boning Ein Schelm, wer zwischen den neuen Sponsoren und dem veränderten Charakter der Veranstaltung einen Zusammenhang vermutet - laut Aussagen der den Preis organisierenden Agentur Neuwerk seien die Veränderungen schon lange vor Einstieg der Sponsoren geplant worden. Jedenfalls las erstmalig seit vier Jahren nicht mehr die lokale Comedy-Größe Tom Pauls die Laudationes auf die Preisträger (was in den vergangenen Jahren stets ein Höhepunkt war, weil er in seinen Bühnenrollen auftrat und die jeweiligen Karikaturen mit satirischer Gründlichkeit analysierte). Stattdessen moderierte der deutschlandweit wesentlich publikumsträchtigere Wigald Boning die Veranstaltung - als nonchalanter und durchaus unterhaltsamer Conferencier, aber man hatte dennoch das Gefühl, dass er hier "einen dieser Jobs" ohne sonderlich viel Engagement abarbeitete.

JazzSextanten
Die musikalischen Zwischennummern präsentierten Robert Kreis und seine JazzSextanten, eine in diesem Landstrich wenig bekannte Swing-Band mit einem graumelierten holländischen Conferencier mit einer Vorliebe für die Couplets und Schlager der 20er Jahre. Er musste wohl auch den ersten Regiefehler des Abends ausbaden, als nach dem 3. (an BURKH) gleich der 2. Preis (an Ari Plikat) verliehen wurde, statt des üblichen musikalischen Intermezzos; dafür durfte die Band dann aber auch gleich zwei Stücke bringen.

Neu waren in diesem Jahr die Videoeinspielungen, die die Preisträger in ihrer heimischen Arbeits- und Lebensumgebung zeigten und durchaus interessante Einblicke in den ungewöhnlichen Alltag von Karikaturisten boten, denen stets was Lustiges einfallen muss und für die deshalb der tägliche Konsum von Informationen aus Presse und TV unabdinglich ist. Eine gute Neuerung - wenn sie denn nicht ausgerechnet bei der neu eingeführten Verleihung des Geflügelten Bleistifts für das Lebenswerk an Horst Haitzinger komplett versagt hätte.

Haitzinger & Eibl-Eibesfeldt Aber zu diesem Zeitpunkt war es schon gar nicht mehr so schlimm, denn das Publikum sehnte sich eh nach dem Ende der Veranstaltung, nachdem der legendäre, inzwischen emeritierte 78jährige Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt eine Laudatio auf seinen langjährigen Freund Haitzinger gehalten hatte, die entgegen des Charakters der Veranstaltung leider ausgesprochen ernsthaft angelegt und übermäßig lang war, und vom Publikum gegen Ende sogar unter Unruhe und Zwischenrufen abgekürzt worden war. Zum Ende der Veranstaltung versammelten sich dann auf Bonings Anweisung noch einmal alle teilnehmenden Künstler auf der Bühne, bevor die Veranstaltung dann ohne "klassische" Abkündigung vorbei war.

Henniger & Plikat Als durchaus versöhnlich ist jedoch die Entscheidung der Jury zu verbuchen, den ersten Preis erstmalig an eine Künstlerin und erstmalig an eine ostdeutsche Karikaturistin (und noch dazu an eine gebürtige Dresdnerin) zu verleihen. Mit vollem Recht wurde Barbara Henniger, seit fast vier Jahrzehnten Stammkarikaturistin des Eulenspiegel und treffsichere Beobachterin von politischem wie von alltäglichem Geschehen, der diesjährige Hauptpreis verliehen. Leider war wohl auch die Information über die nach Ende der Veranstaltung signierenden Preisträger etwas unter gegangen - Frau Henniger und Herr Plikat, im Beisein ihrer Preise, hatten nicht allzu viel zu tun.

Alles in allem: Schade, dass ein Erfolgsrezept, das in Dresden gewachsen und zu voller Blüte gereift ist, nun auf dem Weg des Ausverkaufs an den Main ist - aber es zieht eben immer zum Gelde hin. Schade besonders für die Dresdner, die den Preis haben wachsen lassen, und die Stadt, die gerade mit der Einladung an die gesamtdeutsche Riege der satirischen Reporter des Zeitgeschehens ein wenig Provinzialität aufgeben konnte. Der wird Frankfurt nur recht sein, liegt es doch zentraler, und die Dresdner Bank kann die zugehörige Ausstellung dann im Head Office präsentieren. Offiziell nur jedes zweite Jahr alternierend mit Dresden, aber wenn ich an 2009 denke, hör ich schon eine Nachtigall trapsen...